Bogdal 01

  1. Seit langem mit dem Thema des Fremden und Eigenen in der Literatur befasst, sollte ich in einer Situation, in der das explosionsartige Anwachsen fremdenfeindlicher Gewalt in ganz Deutschland Ängste vor einer Vergangenheit hochkommen ließ, die man bewältigt glaubte, auf einer Veranstaltung ein paar Erklärungsansätze vorstellen, die in den Geisteswissenschaften damals Gewicht hatten. 

  2. Die europäischen Gesellschaften auf der Schwelle der Neuzeit suchten nach Wahrnehmungsmustern, die es ihnen erlaubten, den plötzlich auftauchenden Fremden einen sozialen Ort zuzuweisen.

  3. Als die aufgeklärte Anthropologie um 1800 entdeckte, dass es sich bei den ›Zigeunern‹ um ein aus Indien stammendes Volk mit einer eigenen, aus dem Sanskrit entwickelten Sprache handelt, setzten zwei gegenläufige Tendenzen ein, die sich in der Mitte des 19. Jahrhunderts in der Ethnographie kreuzten.

  4. Doch lassen sich die Lösungen der Konflikte und Probleme nicht an Experten abgeben, die mit ihrem Wissen allenfalls zur Beruhigung oder Dramatisierung aktueller, als krisenhaft empfundener Situationen beitragen können. 

  5. Die Dokumente erzählen, wenn man sie daraufhin liest, von den Grunderfahrungen der ständischen und bodenständigen Bevölkerung mit einer fremden, als bedrohlich empfundenen Gruppe von Einwanderern, die sich nicht dauerhaft an einem Ort niederlässt.

  6. Die Stellung als Leibeigene der Landadligen und Klöster und als Dienstleister für die untersten, oft als unrein angesehenen Tätigkeiten stellt keine besonders erstrebenswerte Position dar. Die aus ihr erwachsene Verachtung durch die anderen gesellschaftlichen Schichten, die bis heute andauert, richtet sich auf die mangelnde Bildung und die Folgen der Armut wie fehlende Körper- und Wohnhygiene sowie Nichtbeachtung der Speisevorschriften ihrer Umgebung. 

  7. Einige Chroniken greifen auf das Modell der ›Weltchronik‹ zurück, die mit der Geschichte der Schöpfung beginnt, an deren Erhalt man durch Bürgerfleiß und -tugend mitzuwirken glaubt. 

  8. Die durch historische Quellen nicht zu belegende Erzählung verbindet unterschiedliche Erfahrungen zur Opfergeschichte eines zwischen die politischen und religiösen Fronten geratenen kleinen Volkes: von den Kreuzzügen über die von den Päpsten forcierten gewaltsamen Christianisierungen (› Bekehrung oder Ausrottung‹) bis zu den ständigen Kämpfen um Territorialherrschaft und die politische Hegemonie im Deutschen Reich.

  9. Fahrende Gruppen wie die Zigeuner werden nun nicht mehr zu den zu versorgenden heimischen Armen gezählt. Sie gelten als schädliche, sich den Segnungen 46zivilisatorischen Fortschritts entziehende Elemente. 

  10. Ihre für damalige Vorstellungen merkwürdige Lage als ausgeschlossene Eingeschlossene, »die mitten in der Gesellschaft leben, ohne deren Mitglieder zu sein«, wie eine französische Denkschrift irritiert anmerkt, wird in negativer Umkehrung eigenen Ordnungsdenkens zu einer Unterwelt organisierten Verbrechens mit eigenen Gesetzen und eigener Sprache ausphantasiert: zu einer Bettlerbruderschaft wie im Liber Vagatorum, in dem Zigeuner nur ganz am Rande erwähnt werden, zu einem Königreich der Geusen in Frankreich und einem ›royaume des truands‹ in Paris, zu den Geheimgesellschaften der Rogues in England im Canting Dictionary von 1725.